Aufbrüche in eine andere Welt

© MZV/WEISSAPFEL

Birkenwerder (MZV) 1989 befand sich die ganze DDR im Umbruch – Birkenwerder folglich auch. Eine neue Ausstellung zeigt anhand von persönlichen Geschichten und Schicksalen, wie sich der Ort und seine Bewohner in der Wendezeit – mal spektakulär, mal unauffällig – verändert haben.

Jung sieht er aus, der Peter Staamann, der da mit seinem Plakat neben vielen anderen Menschen auf der Straße steht. Er ist Teil der Menschenkette, die am 3.Dezember 1989 quer durch die DDR geht. Peter Staamann hat später im Neuen Forum politisch Stellung bezogen; heute ist er als Fachbereichsleiter in Glienicke bekannt.

Mit diesem ersten Bild der Ausstellung wird deren Aufbau deutlich: Jedes der vier Kapitel wird vom Allgemeinen zum Besonderen der Gemeinde Birkenwerder hin beleuchtet. „Als das Blatt sich wendete. Der gesellschaftliche Aufbruch in Birkenwerder 1989/90“ ist die informative Schau überschrieben.
Im Mittelpunkt stehen die Berichte von Zeitzeugen, die Bernt Roder und Manuela Dörnenburg anhand von Dokumenten und historischen Unterlagen mit Fakten belegt haben. Es hat eine Weile gedauert, bis die Zeitzeugen Mut gefasst haben, sich zu äußern, erinnert sich Dr. Eckhard Uhlig. Damals in der evangelischen Kirchengemeinde und am Runden Tisch aktiv, gehört er heute zu denjenigen, die mitgeholfen haben, diese Ausstellung zu ermöglichen. „Dann bekamen wir so viel Material, dass es länger gedauert hat, alles zu bearbeiten.“ Nur einen konnte Bernt Roder leider nicht mehr befragen: Der damalige Bürgermeister Günter Lewinson starb kurz vor dem Interview-Termin.
In der kommenden Woche wird die Ausstellung eröffnet. Es ist viel Lesestoff, dazu geben Fotos Aufschluss über diese aufregende Zeit. Die Tafeln sind in Themenbereiche zu Wirtschaft, Bildung, Umwelt und Wahlen unterteilt. Das VEB Möbelwerk wird von seiner Gründung bis zur letzten Garderoben-Kombination für den „Neckermann“-Katalog vorgestellt.

Mehrere Tafeln sind der Bildung gewidmet, beispielsweise der Vorstellung des eingliedrigen Schulsystems von Polytechnischer Oberschule (POS) und Erweiterter Oberschule (EOS). Weithin bekannt war zu DDR-Zeiten die Erweiterte Oberschule für Körperbehinderte im Internat (KBS), landläufig „KÖS“ genannt. „Bevor das Internat in den 80er Jahren fertig war, lebten viele Kinder in der orthopädischen Klinik unter beengtesten Verhältnissen“, sagt Bernt Roder.

Der Historiker selbst, der seit 1996 in Birkenwerder zuhause ist, hat viel Neues erfahren. Ebenso geht es dem Gemeindevertreter Dr.Bernd Gräber. Er findet die Ausstellung deshalb gerade auch für die zugezogenen Birkenwerderaner und für junge Leute, die diese Zeit überhaupt nicht kennen, wichtig. Zudem wird es Diskussionen mit Zeitzeugen geben.

Die grüne Farbe am Kopf weiterer Tafeln kündigt das Thema Umwelt an. „Die Verklappung von Abwässern hinter der orthopädischen Klinik war schlimm“, erklärt Bernt Roder. „Es gab noch andere Umweltskandale. Auf dem Weg zwischen Briese und Summt befinden sich die sogenannten Summter Lagunen“, sagt er. Auf einem Foto ist der Laster zu erkennen, der gerade Abwässer in die Landschaft leitet.

Auch die Geschichte der Hohen Neuendorfer Arztfamilie Richter wird erzählt. Dr. Anneliese Richter praktizierte in Birkenwerder als Kinderärztin. Helmut Richter arbeitete in Glienicke als Arzt. Weil ihr Sohn nicht zur EOS durfte, stellte die Familie 1985 einen Ausreiseantrag. „Es war ungewöhnlich, dass sie trotz des Antrags weiter arbeiten durften“, erklärt Bernt Roder. „Es herrschte akuter Ärztemangel.“ Der Sohn durfte dann auf eine EOS in Hennigsdorf, von der der Junge aber wegen eines Diebstahls wieder verwiesen wurde. Als die Eheleute ein Plakat ins Fenster der Kinderarztpraxis hängten – das Foto davon gibt es nur, weil sie den Film gut versteckten –, auf dem „Menschenrechte statt Schikane. Wir wollen ausreisen“ stand, hieß das elf und neun Monate Gefängnis. Die Familie wurde anschließend nicht in den Westen abgeschoben. „Erst im August 1989 durften sie ausreisen“, so Bernt Roder. „Die beiden haben in Bayern neu angefangen und das Geschehen bis heute nicht ganz verwunden.“ Bernt Roder ist glücklich, dass er Anneliese Richter für eine der Veranstaltungen als Gesprächspartnerin gewinnen konnte – an ihrer ehemaligen Wirkungsstätte, der heutigen Villa Weigert.

Die Ausstellung wird am Mittwoch, 9. November, um 19.30 Uhr in der Kirche eröffnet. Zu sehen ist sie am Wochenende, 12. und 13. November, von 11 bis 18 Uhr. Bei den fünf Begleitveranstaltungen, die es bis Februar geben wird, werden die Tafeln auch aufgestellt.(© MZV/WEISSAPFEL)


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